Ten Years After

Es will noch immer keiner davon wissen, vom massenweise begangenen Missbrauch kleiner, vorpubertärer Jungen. Zehn Jahre nach der Offenbarung am Canisius-Kolleg und danach auch an vielen anderen Bildungseinrichtungen. Meine war die Odenwaldschule.

Es gibt zwar Missbrauch an Kindern, und die Medien berichten jetzt zum Jahrestag gerne und viel darüber. Dass es aber fast immer kleine Jungen sind, die „geliebt“ und sexuell angegangen werden, das wird komplett totgeschwiegen.

Auf der Odenwaldschule (OSO) hat sich unser Direktor immer wieder auf die alten Griechen bezogen. Die hatten es ihm angetan. Die hatten auch die Päderastie institutionalisiert, bei der alte Männer kleine Jungs unter ihre Fittiche nahmen, sie mental förderten und körperlich benutzten. Und genau das zieht sich bis ins Jetzt. Aber keiner will das wissen. Es sind ja nur Jungs.

Wir wurden auf der OSO feministisch erzogen, Gleichberechtigung und Benachteiligung von Frauen waren dort schon in den Siebzigern das große Thema.

Passte ja auch gut, denn wir waren Jungs. Wenn sich die Lehrer unter unsere Decken kuschelten oder sich befriedigen ließen, dann war das ja wohl nicht schlimm. War ja keine Vergewaltigung, keine Unterdrückung oder Missbrauch von Frauen. Der Rektor stand eregiert morgens in der Sammeldusche der Jungs – das war sexuelle Freiheit, Liberalität, Modernität, Zeitgeist. Da musste man sich schon mal einseifen lassen.

Klar machten wir untereinander Witze über Gerold, Jürgen oder Wolfgang, über die Hodenwaldschule. Aber die ekeligen Details blieben in uns stecken. Über Jahre und Jahrzehnte.

Die Lehrerinnen haben geschwiegen, obwohl sie alles wussten. Sie haben Gerold und die anderen Päderasten angehimmelt. Sie haben unsere Signale abgewimmelt, sie haben uns im Stich gelassen. So wie unsere Eltern, die uns ja ohnehin auf das Internat entsorgt hatten.

Wir waren sehr alleine. Und wir haben es mit Drogen und Alkohol versucht zu verdauen. In der Schüler-Diskothek „Blockhaus“ haben wir uns zugedröhnt und bis zur Erschöpfung zu „Going Home“ oder „Help me“ von Ten Years After getanzt.

Auf der OSO war fast alles erlaubt. Im Nachhinein passt das gut ins Bild. Wow, dachten wir, das ist klasse.

Wir waren gerne dort – sonst hatten wir ja auch nichts.

Im Jahr 2010 poppt alles hoch. Die Odenwaldschule und der Missbrauch ist Nummer-1-Meldung in der Tagesschau. Eine Welle der Entrüstung und Empörung rast durch die Republik.

In uns wird all das wieder hochgespült, was wir versucht hatten zu vergessen. In den nächsten Monaten werden unzählige Betroffene sterben, viele davon wählen den Freitod. Sie kommen nicht damit zurecht, was da im Kopf und gefühlsmäßig reaktiviert wird. Sie haben niemanden, der ihnen zuhört, sie werden nicht verstanden. Wir bekommen „Anerkennungszahlungen“, von denen ich bis heute nicht weiß, was sie eigentlich bedeuten sollen.

Wildwasser Darmstadt lehnt Hilfe für männliche Betroffene ab. Es gibt zu dem Zeitpunkt nur einen selbstfinanzierten Helfer irgendwo in Norddeutschland, der bereit ist, männliche Missbrauchsopfer zu unterstützen und zu beraten.

Gerold stirbt inmitten des medialen Hurricans, hat zuviel Reval geraucht. Jürgen ist kurze Zeit später auch tot, Wolfgang wird von einigen derer, die ihn als Kinder in der „Bettmachpause“ sexuell befriedigten, bis in den Tod gepflegt. Die Odenwaldschule wird wenige Jahre später geschlossen, eine Mannheimer Werbeagentur bietet jetzt in den Häusern Ferienwohnungen an.

Zehn Jahre später wird nun in den Medien über die damaligen Missbrauchsenthüllungen an all den Bildungseinrichtungen berichtet. Vielfacher Kindermissbrauch, eckiger Tisch – aber bis heute schert sich kein Schwein um das Jahrhunderte alte Phänomen Päderastie, das eben fast ausschließlich die Jungen betrifft.

Wir sind eigentlich so alleine wie damals. Und viele Jungen da draußen sind es derzeit auch. Denn sie sind halt nur Jungs.